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Wie die deutschen Medien in Gaza versagten

Auf der Grundlage umfangreicher Analysen seziert Fabian Goldmanns neues Buch “Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza” die deutsche Berichterstattung zu Gaza und attestiert ihr ein umfassendes Versagen.
Von Jan Altaner

Ursprünglich veröffentlicht in MERIP’s Spring 2026 Issue unter dem Titel “How German Media Failed Gaza”.

Die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 erschütterten Deutschlands Medienlandschaft nachhaltig. Die Medien interpretierten den Überraschungsangriff der Hamas auf israelische Ortschaften nahe der Grenze zum Gazastreifen als ein Spektakel extremer, irrationaler Gewalt, während sie die Gewalt, die Israel unmittelbar danach gegen die Palästinenser zu verüben begann, weitgehend verschleierten. Zeitungen und der öffentlich-rechtliche Rundfunk verteidigten Israels unterschiedslose Bombardierungen als notwendig. Dabei griffen sie auf eine Sprache zurück, welche die israelische Militärkommunikation unkritisch reproduzierte und eine kollektive Verantwortung der Palästinenser insinuierte, um so zu rechtfertigen was offensichtlich und eklatant die Normen des Völkerrechts und die universellen Menschenrechte verletzte. Das Ausmaß der Verzerrungen übertraf die Voreingenommenheit und Auslassungen, die die Berichterstattung über Palästina zuvor gekennzeichnet hatten.

Das redaktionelle Gatekeeping Deutschlands linksliberaler Medien zeigte sich auch in meinen eigenen Erfahrungen: Ein Pitch Rashid Khalidis gerade erst ins Deutsche übersetzte Buch “Der Hundertjährige Krieg um Palästina” für eine große Tageszeitung zu rezensieren, blieb unbeantwortet. Später erfuhr ich, dass eine anschließend veröffentlichte vernichtende Kritik als Reaktion auf meinen ursprünglichen Vorschlag in Auftrag gegeben worden war. In einem Beitrag, der die deutsche Bundesregierung zur Wiederaufnahme der UNRWA-Finanzierung aufrief, fügte eine Redakteurin unautorisierte Änderungen in letzter Minute ein, um jeglicher Kritik an der israelischen und deutschen Politik die Schärfe zu nehmen. Ein historischer Hintergrundartikel zum Libanon wurde so sehr redaktionell bearbeitet, analytisch entkernt und mit faktischen Fehlern versehen, dass ich seine Veröffentlichung zurückziehen musste.

Während Israels Krieg im Gazastreifen klammerten sich große Teile der deutschen Bevölkerung an zwei Überzeugungen: Die “moralischste Armee der Welt” könne unmöglich die Verbrechen begehen, derer Israel beschuldigt wurde, allen voran Völkermord, und Deutschlands populärer, pluralistischer und vertrauenswürdiger öffentlich-rechtlicher Rundfunk sowie Leitmedien würden eine solche Realität niemals verschweigen. Im Laufe der Zeit, während der deutsche Staat die Repression gegen Demonstrierende sowie palästinasolidarische Künstler*innen und Akademiker*innen im Inland verstärkte, begann sich die öffentliche Meinung langsam zu wandeln. Seit dem Sommer 2024 hatte die Hälfte der deutschen Bevölkerung kaum oder gar kein Vertrauen mehr in die deutsche Nahostberichterstattung, wie Umfragen zeigten. In den darauffolgenden Jahren hat Israel Gaza und weite Teile Libanons verwüstet, Waffenstillstände unterzeichnet und konsequenzlos gebrochen und gemeinsam mit den USA einen folgenreichen Krieg gegen Iran vom Zaun gebrochen. Das politische und mediale Establishment in Deutschland hat—bis auf wenige Ausnahmen—dieses Vorgehen de facto mitgetragen, einschließlich der Ziele im Krieg gegen den Iran. Auch wenn dessen Rechtswidrigkeit bisweilen gelegentlich Bedenken hervorrief, folgte keine ernsthafte Debatte oder gar eine Revision der deutschen Bündnisse.

Die verzerrte mediale Berichterstattung über Palästina macht seit geraumer Zeit globale Muster politischer und medialer Voreingenommenheit sichtbar. Die Lage der deutschen Medienlandschaft liefert dabei ein drastisches—wenn auch nicht ganz unbekanntes—Fallbeispiel. In seinem kürzlich erschienenen Buch “Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza” legt der Journalist Fabian Goldmann eine umfassende Analyse dieser Dynamiken vor. Der provokante Buchtitel ist ein gewitztes Portmanteau aus Staatsräson, Deutschlands Doktrin der bedingungslosen Unterstützung Israels, und Staatsfunk, eine politisch rechts konnotierte, abwertende Bezeichnung für vermeintlich staatlich kontrollierte Medien. Die Begriffskombination impliziert die (Selbst-)Verpflichtung deutscher Medien zur bundesstaatlichen Unterstützung Israels.

Nach dem 7. Oktober dokumentierte Goldmann die Verzerrungen der deutschen Medien umfassend und detailreich auf seinen Social–Media–Kanälen, seinem Blog und in linksorientierten Publikationen. Sein neues Buch ist das Ergebnis dieser Arbeit und seiner gesammelten Recherchen. Die unbestreitbare Stärke dieser Veröffentlichung liegt in der quantitativen Analyse von 11.125 Nachrichtbeiträgen, veröffentlicht zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 19. Januar 2025 in fünf deutschen Leitmedien aus unterschiedlichen Segmenten: der öffentlich-rechtlichen Tagesschau, dem Investigativmagazin Der Spiegel, der linksliberalen Wochenzeitung Die Zeit, der Boulevardzeitung Bild und der sich selbst als links verstehenden Tageszeitung taz. Ein Vorwort von Ilan Pappé sowie eine chronologische Erzählstruktur, Statistiken und Datenvisualisierungen ergänzen die Analyse.

Die Hauptleistung des Buches liegt in der akribischen Dokumentation, wie deutsche Medien ihre eigenen journalistischen Standards aufgegeben haben. Anstatt über das Vorgehen Israels im Gazastreifen unparteiisch und neutral zu berichten, verschleierten, verharmlosten, legitimierten und rechtfertigten die Medien aktiv die israelische Gewalt. Goldmann verweist auf UN-Generalsekretär António Guterres Feststellung, die Verheerung Gazas sei ein “Versagen der Menschheit selbst”, und argumentiert, dass dieses Versagen in Deutschland— neben Israel—die weitreichendsten Folgen hatte und politische Parteien, Institutionen und die gesamte Medienlandschaft kompromittierte.[1] Nur wenige unabhängige Beobachter prangerten die Voreingenommenheit der Medien öffentlich an. Selten kam Kritik aus den eigenen Reihen der Institutionen. Mangels Alternativen zur deutschen Berichterstattung wandten sich viele in Deutschland vermehrt sozialen Medien oder der ausländischen Presse zu, um sich ein akkurateres Bild der Lage in Gaza zu machen. Wenngleich Goldmann einige positive Ausnahmen hervorhebt, konzentriert sich sein Buch auf die chirurgisch präzise Analyse der strukturellen Bedingungen für das, was er als das systemische Versagen der deutschen Medien beschreibt. Ein Versagen, das grundlegende Fragen aufwirft zum Verhältnis von Medien und Macht sowie dem Status quo.

Das Entgleiten journalistischer Standards

Das zweite Kapitel skizziert eine erschütternde Chronologie medialer Versäumnisse und zeigt wie Deutschlands Journalist*innen ihre professionellen Standards der Faktenprüfung (wie beispielsweise das Zweiquellenprinzip), Unparteilichkeit, stigmatisierungsfreien Darstellung, Kontextualisierung und das Aufzeigen verschiedener Perspektiven binnen kürzester Zeit preisgaben. Umgehend widerlegte Falschmeldungen, wie die Behauptungen Hamas habe 40 Babys geköpft, wurden ungeprüft durch deutsche Medien verbreitet; Korrekturen oder Konsequenzen blieben meist aus. Über das euphorische Verteilen von Baklava in Berlins arabisch geprägtem Bezirk Neukölln durch drei Personen am 7.Oktober wurde in über 500 Nachrichtenmeldungen berichtet, was die Dämonisierung von Muslimen, Arabern und Palästinensern vorantrieb und Neukölln selbst als antisemitisch kodierte. Führende Journalist*innen erklärten offen ihre Solidarität mit Israel und beteuerten ihre Loyalität zu diesem Land, und Bemühungen historische und politische Kontexte für die Öffentlichkeit bereitzustellen wurden verzerrt und als Legitimierung von Terrorismus umgedeutet.

Während innerhalb der ersten 15 Monate nach dem 7.Oktober israelische Vertreter 136-mal in der Tagesschau auftraten, waren palästinensische Repräsentanten nur viermal in der allabendlich von Millionen Zuschauern verfolgten Nachrichtensendung vertreten. Wenn Palästinenser zu Wort kamen, dann nur als “perfekte Opfer”—als leidtragende Zivilisten oder Ärzt*innen—nicht als politische Subjekte oder gar Analysten.[2] Die palästinensische Perspektive wurde stattdessen durch UN-Statements repräsentiert, was eine verzerrende Scheinausgewogenheit gegenüber israelischen Sichtweisen erzeugte. Darüber hinaus kamen Philippe Lazzarini von UNRWA und Francesca Albanese jeweils nur einmal vor, genau wie Vertreter*innen von Amnesty International, Human Rights Watch und unabhängigen NGOs die in Gaza arbeiten.

Das dritte und vierte Kapitel rekapitulieren die übermäßige Abhängigkeit des deutschen Journalismus von offiziellen israelischen Regierungserklärungen und PR-Materialien, die allzu oft die Haupt- oder gar einzige Quelle der Berichterstattung darstellen. Die fünf untersuchten Medien wiederholten israelische Behauptungen über die vermeintlichen Kommandozentralen der Hamas unter oder in ziviler Infrastruktur hundertfach, ohne jemals belastbare Quellen außerhalb der israelischen Armee anzugeben. Auf Basis einer breiteren Stichprobe von Zeitungen zeigt Goldmann wie die Benutzung des Labels “Hamas-geführt” als delegitimierende und diskreditierende Zuschreibung für palästinensische Institutionen wie das Gesundheitsministerium von 352 Benutzungen in 35 Jahren vor dem 7.Oktober 2023 zu 826 Verwendungen in den ersten drei Monaten nach diesem Tag in die Höhe schnellte. Außerdem enthielten von insgesamt 4.856 Überschriften 43 Prozent israelische Quellen und nur fünf, acht und ein Prozent palästinensische, supranationale, oder lokale Quellen von in Gaza arbeitenden NGOs. Palästinensische und arabische Medien und Journalist*innen kamen fast nie vor. Deutsche Journalist*innen, die in ihrer Arbeit Gaza als unzugängliche “Black Box” darstellten, verschlossen bewusst die Augen vor der Realität, indem sie die existierenden vielfältigen Quellen ignorierten. Diese Muster wiederholten sich in ähnlichen Weisen in der Berichterstattung über Libanon und Iran.

Auch übernahmen Journalist*innen die ungeprüften Statements israelischer Regierungsbehörden und -vertreter anstatt sie kritisch zu hinterfragen, woraus sich in Goldmanns Augen eine Mitschuld der deutschen Medien an der Demontage von Schutzmechanismen für Zivilist*innen und an Gazas letztendlich flächendeckender Zerstörung begründet (Kapitel 4). Gebetsmühlenartig wiederholten sie zum Beispiel die unbelegten israelischen Behauptungen, dass Krankenhäuser als “Terrorinfrastruktur” fungieren würden, von Al-Shifa, dem größten Krankenhaus in Gaza zu allen anderen und ignorierten dabei die Widersprüche der UN, der WHO und vieler internationaler Nachrichtenmedien.

Die Meinung des deutschen Bundeskanzlers Olaf Scholz und führender Journalist*innen veränderte sich in Windeseile als sich staatsnahe israelische Narrative wandelten: Hatten sie zuerst Forderungen nach einem Waffenstillstand abgelehnt, da dies Hamas in die Karten spielen würde, selbst als Israel bereits über 4.500 palästinensische Kinder getötet hatte, gingen sie plötzlich dazu über israelische Behauptungen zu kolportieren, dass es Hamas sei, die einen Waffenstillstand blockierten. Die Bekanntmachung eines fabrizierten News-Leak des Boulevardmediums Bild, gezielt platziert um dem israelischen Premierminister zu helfen Waffenstillstandsverhandlungen zu torpedieren, löste weder einen Medienskandal noch größere Proteste in Deutschlands aus, genauso wenig wie Israels systematische Tötung von Gazas Journalist*innen. Bis heute bleibt die Behauptung Hamas nutze “menschliche Schutzschilde” auch ohne jegliche belastbaren Beweise ein wiederkehrendes Motiv der medialen Berichterstattung, während Israels umfassende, gut dokumentierte Nutzung von menschlichen Schutzschildern nur überaus selten Erwähnung findet.

Die Kapitel 5 und 6 beschreiben wie die deutschen Medien gewalttätige Handlungen charakterisierten und welche Opfer als zu betrauernd dargestellt wurden. Die mediale Rahmung wurde dabei nicht bestimmt durch das Ausmaß eines Angriffs oder daraus folgenden Opferzahlen, sondern sie war abhängig davon wer den Angriff ausübte. Israelische Handlungen wurden kontinuierlich als “Gegenangriffe” heruntergespielt während “Großangriffe” zu fast 80 Prozent als Handlungen der Hamas und nur in 4,2 Prozent der Fälle als von Israel ausgehend beschrieben wurden. Laut Goldmanns Untersuchung machten sich die untersuchten deutschen Medien nicht ein einziges Mal den Begriff “Massaker” zu Eigen, um über israelische Gewalt zu sprechen. Wenig überraschend erhielten Israelis und Palästinenser*innen auch ungleich viel Aufmerksamkeit im Leben wie im Tod. Überschriften verwiesen 37-mal häufiger auf israelische als auf palästinensische Opfer. 26 Berichte widmeten sich dem Schicksal einer Deutsch-Israelin, die am 7.Oktober getötet wurde, während eine sechsköpfige deutsch-palästinensische Familie, die in den ersten Wochen in Gaza getötet wurde nur in einem einzigen Nachrichtenbeitrag porträtiert wurde.

Das siebte Kapitel des Buchs zeichnet nach wie das mediale Establishment die Warnungen, Gerichtsverfahren und Expertenaussagen über den genozidalen Charakter der israelischen Kriegsführung ignorierte, zurückwies und verleugnete. Als nützliches Hintergrundwissen enthält es außerdem einordnende Bezugsrahmen um Themenfelder wie die von Israel besetzten Gebiete, arabische diplomatische Bemühungen oder das Recht auf Widerstand zu verstehen.

Erklärungen für die mediale Schieflage

Staatsräsonfunks akribische Diagnose wie deutsche Medien systematisch versagten führt zur Frage, warum sie so versagten. Eine vollumfängliche Erklärung hat Goldmann nicht anzubieten für die desaströse Rolle deutscher Medien, aber er skizziert sieben gewichtige Faktoren.

Deutschlands Solidarität zu Israel, angesichts seiner Täterschaft im Holocaust, übersetzt sich erstens in eine journalistische, Israel begünstigende Voreingenommenheit und hat über die letzten Jahre zur Entwicklung einer zunehmend repressiven Staatsbürokratie beigetragen, die Antisemitismus sehr breit auslegt, definiert und daraus Freiheiten einschränkende politische Maßnahmen ableitet. Ein zweiter Grund findet sich in der Art wie Rassismus und orientalistische Stereotypen in der Zeit nach dem 7.Oktober mit einer Art Hyper-Staatsräson verschmolzen sind. Diskriminierungen gegen Palästinenser*innen, Menschen muslimischen Glaubens und Araber*innen—Äußerungen, die zuvor von der politischen Mitte und linksliberalen Medien eher missbilligt und der politischen Rechten zugeschrieben wurden—wurden nun offen und öffentlich propagiert, was die weitere Dehumanisierung dieser Gruppen über das gesamte politische Spektrum hinaus den Weg ebnet.

Ein drittes Feld das Goldmann kritisiert ist die Nähe des deutschen Journalismus zur Macht. Er beschreibt einen Drehtüreffekt, der führenden Journalist*innen Jobs als Sprecher von Regierungsbehörden verschafft. Weite Teile des Journalismus bestünden des Weiteren daraus, Pressemitteillungen zu verbreiten, die Regierungspositionen darlegen und so ihre jeweilige Öffentlichkeitsarbeit beförderten. Politisch einflussreiche Vertreter aus den Parlamenten, staatlichen Behörden und staatsnahen Organisationen prägen dominieren die Aufsichtsräte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Grenzen des politischen Diskurses vis-à-vis Israel und Palästina werden durch diese Einschränkungen weiter verengt. Die vorgeschlagenen diplomatischen Maßnahmen gegen Israel gingen beispielsweise nie über zeitlich befristete Waffenlieferstopps hinaus, was sich in der journalistischen Berichterstattung spiegelte.

Die vielfältige Medienlandschaft Deutschlands wird durch den allgegenwärtigen Einfluss von Nachrichtenagenturen und Oligopolen verzerrt, die den Zeitungs-, Zeitschriften- und TV-Markt dominieren und ihren häufig milliardenschweren Eigentümern hohe Gewinne einbringen, wobei ein zu kritischer Journalismus diese Geschäfte gefährden kann. Dieser vierte Faktor—die Marktkonsolidierung, die Kritik und Dissens reduziert—ist auch in den USA sichtbar, wo die milliardenschweren Ellisons zuletzt CBS News erworben haben. Mehrere Medienkonzerne wie die Axel-Springer-Muttergesellschaft der BILD dominieren den deutschen Markt. Axel Springer SE, das kürzlich die US-amerikanische Website Politico und den britischen Telegraph übernommen hat, verpflichtet seine Journalist*innen zu einer explizit pro-zionistischen Berichterstattung. Unter den Nachrichtenagenturen genießt die dpa mit 95 Prozent eine monopolartige Marktposition woraus ein immenser Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung resultiert. Kleinere deutsche Redaktionen, die oft unterbesetzt und ökonomisch unter Druck stehen, übernehmen und publizieren die Berichterstattung der dpa zu großen Teilen, inklusive ganzer Nahost-Medienticker und deren Voreingenommenheit, verkürzende Deutungsrahmen und Auslassungen. Bezeichnenderweise grenzt der Hauptsitz der dpa in Berlin direkt an den von Axel Springer. Das Unternehmen hält außerdem (wenngleich begrenzte) Anteile an der dpa und beschäftigte dessen aktuellen Chefredakteur zuvor in einer leitenden politischen Redaktionsposition.

Fünftens ist Deutschlands Journalismus nur begrenzt durch eine Diversität hinsichtlich der Hintergründe der Journalist*innen, ihrer Standpunkte und Identitäten geprägt. Eine sechste, verwandte Ursache stellt die Kette erfolgreicher Diffamierungskampagnen dar, losgetreten durch Akteure wie dem israelischen Botschafter in Deutschland, IDF-Sprechern, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und zentristischen bis rechten Medienhäusern, die zu reihenweisen Kündigungen Palästinensischer und migrantischer Journalist*innen führte. Diese Kampagnen, kombiniert mit rigiden redaktionellen Guidelines und internem Druck, schufen ein erdrückendes und einschüchterndes Arbeitsklima und schürten die Angst unter Mitarbeitenden, freien Mitarbeiter*innen sowie Redakteur*innen sich durch ihre Arbeit, Äußerungen oder Widerspruch potenziell karrierebeendende Antisemitismusvorwürfe einzuhandeln.

Abschließend versagten auch die existierenden Kontrollmechanismen, die die Integrität der Presse hätten schützen sollen. Institutionen wie Deutschlands zwei Dutzend Rundfunkräte und -aufsichtsbehörden gingen kaum auf Bürgerbeschwerden über Fehldarstellungen ein. Der deutsche Presserat bestätigte sogar noch das Recht der BILD die Falschmeldungen über Hamas vermeintliche Köpfungen von Babys in Überschriften zu verwenden. Wiederholt vermieden es Nachrichtenorganisationen und Redaktionen sich ihren europäischen Pendants anzuschließen in der Verurteilung von Israels systematischer Ermordung palästinensischer und libanesischer Journalist*innen. Wenn Journalisten vorsichtig Kritik äußerten, kam dies meist von freien Mitarbeitenden denen der Einfluss und die Unterstützung größerer Redaktionen fehlte.

Die meisten dieser Faktoren, die Goldmann als Erklärungsversuch für die desaströse deutsche Medienberichterstattung heranführt, bestanden in ähnlicher Form bereits lange vor dem 7. Oktober. Israels genozidale Kriegsführung nach dem Angriff der Hamas verlieh diesen Dynamiken jedoch einen massiven Schub. Existierende Risse wurden zu Brüchen. Staatsräsonfunk erfasst die Ausmaße und Dimensionen dieser Entwicklungen mit so frappierender wie analytischer Genauigkeit und hat das Potenzial, ein Standardwerk zu werden—auch wenn es die von ihm kritisierte deutsche Medienblase scheinbar nicht erreicht. In den ersten drei Monaten nach Erscheinen wurde das Buch ausschließlich von linksorientierten Medien rezensiert. Eine englische Übersetzung und weitere Forschung wären sehr zu begrüßen, auch um Überschneidungen der diskursiven Schieflagen im Vergleich zu anderen Ländern deutlicher zu machen. Samt all seiner Spezifizität bleibt der deutsche Fall ein extremes Beispiel für ein globales Phänomen.

Indem Staatsräsonfunk seine Analyse in die Chronologie der Zerstörung Gazas einbettet, rückt das Buch die Kontingenz des Genozids in den Vordergrund: Politische Entscheidungsträger*innen und Journalist*innen hätten jederzeit anders handeln und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen können.

[1] António Guterres, “A Statement from the UN Secretary-General António Guterres on the Famine in Gaza,” UNHCR Nordic and Baltic Countries, August 25, 2025.

[2] Mohammed El-Kurd. Perfekte Opfer, Brumaire Verlag, voraussichtliches Erscheinungsdatum Herbst 2026. Auf Englisch: Mohammed El-Kurd. Perfect Victims: And the Politics of Appeal (Haymarket Books, 2025).


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Orient-Institut Beirut (June 3, 2026). Wie die deutschen Medien in Gaza versagten. OIB_upclose. Retrieved October 12, 2026 from https://doi.org/10.58079/16c1d


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